12 Thesen für ein Studium der Zukunft

Wir sind überzeugt, dass Bildung für die Gesellschaft und für die einzelnen Individuen eine zentrale Rolle spielt. Der Weg von Menschen, die Gestaltung ihres Lebens und ihre Teilhabe an Gesellschaft werden nicht mit der Geburt festgelegt, sondern entscheiden sich durch das Wissen und die Entwicklung ihrer Persönlichkeit im Laufe eines Bildungsprozesses. Dieser Prozess beginnt nicht in einem bestimmten Alter und in einer bestimmten Einrichtung und endet folglich nicht mit dem Erreichen eines bestimmten Alters und dem Verlassen einer Einrichtung. Er findet nicht nur in Institutionen statt, sondern auch in sozialen Zusammenhängen – in der Gesellschaft. Bildung dauert ein Leben lang und bedeutet mehr als das Sammeln von Zertifikaten oder das Absolvieren von Prüfungen. Jeder Mensch hat das Recht auf Bildung und ein Gemeinwesen ist in der Verantwortung, dieses Recht allen vollkommen und ohne Ausnahme einzuräumen. Bildung in diesem Sinne erkennt an, dass es verschiedene Wege gibt, auf denen man sich bildet, dass es immer möglich sein muss, Zugang zu Bildungseinrichtungen zu erhalten und dass Menschen im Bildungsprozess fortwährend unterstützt werden müssen.

Individuen leben nicht für sich, sondern sind Teil einer Gemeinschaft, die zu großen Teilen über ihre Entwicklung bestimmt. Der Stellenwert von Bildung und die Lebenschancen von Individuen sind Ausdruck der Art und Weise, wie sich eine Gemeinschaft organisiert. Wir legen unserem Leitbild das Ideal eines Demokratischen Sozialismus zu Grunde und einer Gesellschaft, in der die Gleichheit und Freiheit der Menschen verwirklicht ist und in der die Klassenunterschiede aufgehoben sind. Wir sind der Meinung, dass Menschen ihre Biografie selbst gestalten sollen. Sie werden alle ihre Entscheidungen verantwortungsbewusst treffen, sofern sie die Chance und die Unterstützung dazu erhalten.

Das Verhältnis zwischen Hochschulen und der Gesellschaft ist eines von Wechselbeziehungen. Wissenschaft als der gesellschaftliche Auftrag von Hochschulen bedeutet auf der einen Seite allen Zugang und Möglichkeit zu(r) Bildung zu verschaffen und zugleich das Wissen einer Gesellschaft durch Forschung zu vergrößern. Wissenschaft und Hochschulen müssen sich jederzeit selbst kritisch reflektieren und auch das von ihr bereitgestellte Wissen auf seine gesellschaftliche Bedeutung hin prüfen. Auf der anderen Seite ist ein Gemeinwesen in der Verantwortung, Wissenschaft zu ermöglichen, indem es die nötigen Ressourcen für sie bereitstellt und für den Unterhalt von Hochschulen und deren Mitgliedern sorgt. Darüber hinaus muss sie Rahmenbedingungen für die Hochschule und ihre Mitglieder formulieren und über die Verwendung der wissenschaftlich hervorgebrachten Ergebnisse entscheiden. Diese Zusammenhänge machen deutlich, dass Wissenschaft und Gesellschaft ineinandergreifen und sich niemals als bezugslos zueinander sehen dürfen. Eine Wissenschaft im Elfenbeinturm erscheint uns genauso wenig erstrebenswert wie eine Gesellschaft, die keinen Wert auf wissenschaftliche Betätigung legt.

Wissenschaft darf sich nicht über den eigenen nationalen Kontext definieren. Viele Probleme lassen sich in einem nationalstaatlichen Zusammenhang nicht wissenschaftlich bearbeiten und politisch lösen. Wissenschaft muss deshalb Menschen aus verschiedenen Regionen mit unterschiedlicher Herkunft versammeln. Hochschulen sind für uns Orte dieser internationalen Verständigung und haben internationale Verantwortung. Die Internationalisierung von Hochschulen voranzutreiben um die Konkurrenzfähigkeit von Volkswirtschaften im globalen Wettbewerb voranzutreiben, lehnen wir ab.

Wir sehen in den letzten Jahren Strukturentscheidungen in der Bildungs- und Hochschulpolitik, die diesen Grundsätzen zuwiderlaufen. Sie lassen sich nicht isoliert betrachten, sondern sind Ergebnis von Leitvorstellungen über Hochschulen, Wissenschaft und Bildung, die vor allem in den 1990er Jahren erarbeitet wurden und in der Folge durch Beratungstätigkeiten verschiedener Institute in die praktische Politik einflossen. Seit einiger Zeit gibt es dagegen auch Leitbilder von uns nahestehenden Organisationen wie der GEW oder der Hans-Böckler-Stiftung, während die Beiträge aus studentischer Sicht noch fehlen. Diesen Mangel wollen wir mit den folgenden Thesen beheben, die sowohl den Weg aufzeigen sollen, den zukünftige Reformen einschlagen müssen, als auch einen Gegenentwurf zu den Leitbildern formulieren, die in der Vergangenheit den Diskurs bestimmten. Dieses Leitbild ist keines das sofort in politische Reformvorhaben übersetzt werden kann und unterliegt einem Prozess der Weiterentwicklung und Präzisierung. Es bedarf konkreter, auf den Thesen aufbauender Konzepte, um Realität zu werden. Diese Konzepte zu entwickeln und in die politische Debatte zu tragen, machen wir uns zur Aufgabe für die nächsten Jahre; gleichwohl die Umsetzung einen Zeithorizont benötigen wird, der eher in Jahrzehnten statt in Jahren zu messen sein wird.

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Eine Antwort auf “12 Thesen für ein Studium der Zukunft”

  1. Caspar Heybl sagt:

    Moin!

    Ich suche gerade für unsere Senatssitzung nach Hintergrundtexten über Uni-Demokratie. Da bin ich über dieses Projekt gestolpert…
    Frage: wie ist der Stand, wie laufen die Debatten, finde ich irgendwo ein “Abschlusspapier”?

    kollegiale grüße, CH

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