von Ulf Banscherus
Auf den ersten Blick erscheint die Konfliktlage eindeutig: In den aktuellen hochschulpolitischen Auseinandersetzungen stehen sich „Humboldtianer“ und „Bologneser“ unversöhnlich gegenüber, wobei die letzteren zumeist dargestellt werden als seelenlose TechnokratInnen, die nichts anderes im Sinn haben als unter dem Banner der „Employability“ die ehrwürdige deutsche Universität zu einer verlängerten Werkbank des Berufsausbildungssystems zu degradieren, während sich die ersteren gerne als aufrechte StreiterInnen für die „Freiheit der Wissenschaft“ stilisieren.[1] Der Bildungsstreik wird dann entweder als leicht hysterische Reaktion auf die „Kinderkankheiten“ der neuen Studienstruktur abgetan[2] oder aber zum „letzten Aufgebot“, um die Verschleuderung des ideellen Tafelsilbers der deutschen Hochschulpolitik kurz vor der endgültigen Vermassung doch noch zu stoppen.[3]
Erweitert man den Fokus aber über die karikaturenhaft überzeichneten Positionierungen des Feuilletons hinaus, so wundert man sich schnell über die Bündnisse, die der Bildungsstreik ans Licht gebracht zu haben scheint. Doch ist die Forderung nach einem „Recht auf Bildung“, die auf keiner Demonstration von Studierenden und SchülerInnen der letzten Monate fehlte,[4] wirklich inhaltlich identisch mit der Idee der „Bildung durch Wissenschaft“, die traditionell eher von AnhängerInnen der konservativen Ordinarientradition vertreten wird?[5] Vermutlich nicht. Denn das klassische universitäre Bildungsverständnis steht mit seinem ausdrücklichen Eliteanspruch im deutlichen Gegensatz zu einer in die Gesellschaft integrierten und für alle sozialen Gruppen offenen Hochschule. Humboldt wird so zum „falsche[n] Mann am falschen Ort“, wie es Uwe Schimak treffend in der FAZ formuliert hat.[6] Gleichzeitig kann aber auch die Engführung des Praxisbegriffs auf „Employability“, also die reine Beschäftigungsfähigkeit der AbsolventInnen unter Ausblendung qualitativer Aspekte wie dem Qualifikationsniveau, schwerlich als Alternative zur traditionellen Vorstellung von einem Hochschulstudium gelten. In den Worten von Uwe Schimank lautet die zugespitzte Krisenthese deshalb: „Das Alte und das Neue prallen aufeinander, aber beide taugen nichts.“
Erforderlich ist also nichts weniger als ein erneuertes (Selbst-)Verständnis von den Aufgaben der Hochschulen – und daraus abgeleitet vom Konzept eines Studiums. Dieses neue Verständnis müsste es leisten, die teils bestehenden, teils wahrgenommenen Widersprüche zwischen Forschung und Ausbildung sowie Exzellenz und Chancengleichheit produktiv zu etwas Neuem zu verbinden. Konrad Jarausch folgert deshalb, dass der heftig behauptete Widerspruch von „Forschung und Bildung“ auf der einen und „Ausbildung und (Wissens-) Transfer“ auf der anderen Seite einer tieferen Betrachtung nicht stand halte, sondern die Lösung gerade in einer Erweiterung des Humboldtschen Ideals um die gewandelten Anforderungen einer wissensbasierten Wirtschafts- und Gesellschaftsform liegen könnte.[7]
Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass es der Zweck eines Studiums sein sollte, dass sich die Studierenden eine „wissenschaftsbasierte, professionelle Handlungskompetenz“ aktiv aneignen können, die es ihnen ermöglicht, kompetent und verantwortlich in Wissenschaft, Beruf und Gesellschaft zu agieren.[8] Hierzu gehört auch ein kritisch-reflexiver Begriff von der „Praxis“, der Wissenschaft in die beruflichen und gesellschaftlichen Kontexte einordnet und nicht nur die Vermittlung von Fähigkeiten und Fertigkeiten, sondern auch die Ausbildung von humanistischen Werthaltungen und die Persönlichkeitsbildung ausdrücklich einschließt. Dieses Verständnis einer Praxisorientierung des Studiums könnte somit letztlich ein wesentliches Kernelement einer qualitativen Studienreform bilden.[9] Die Diskussion um den Praxisbezug des Studiums gehört deshalb ins Zentrum der hochschulpolitischen Auseinandersetzungen!
[1] Vgl. hierzu den Artikel von Uwe Schimank in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 17. April 2009: http://www.faz.net/s/Rub1A09F6EF89FE4FD19B3755342A3F509A/Doc~E26D41D3E3BD3435191E66DE0926AE4B1~ATpl~Ecommon~Scontent.html
[2] Vgl. hierzu den Artikel von Wolfgang Seibel in der Süddeutschen Zeitung vom 25. Juni 2009:
http://www.sueddeutsche.de/karriere/bologna-reform-schaemt-euch-1.117896
[3] Vgl. hierzu den Artikel von Julian Nida-Rümelin in der Süddeutschen Zeitung vom 01. Februar 2008: http://www.sueddeutsche.de/karriere/hochschulen-der-naechste-bildungsnotstand-1.263850
[4] Vgl. hierzu den Artikel von Klemens Himpele in Heft 08/2009 der Blätter für deutsche und internationale Politik http://www.blaetter.de/archiv/jahrgaenge/2009/august/vom-bildungsstreik-zur-bewegung
[5] Vgl. hierzu den Artikel von Wolfgang Fach in der Süddeutschen Zeitung vom 09. Juli 2009: http://www.sueddeutsche.de/karriere/kritik-an-der-bologna-reform-schwach-oder-sinnig-1.83512
[6] Vgl. hierzu den Artikel von Uwe Schimank in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 17. April 2009: http://www.faz.net/s/Rub1A09F6EF89FE4FD19B3755342A3F509A/Doc~E26D41D3E3BD3435191E66DE0926AE4B1~ATpl~Ecommon~Scontent.html
[7] Vgl. hierzu den Artikel von Konrad H. Jarausch in Heft 01/2008 des Journals der Sächsischen Akademie der Wissenschaften: http://www.denkstroeme.de/heft1/34-52/jarausch
[8] Vgl. hierzu die von Claudia Koepernik und Andrä Wolter im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung erstellte Expertise zum Thema „Studium und Beruf“: http://www.boeckler.de/pdf/p_arbp_210.pdf
[9] Vgl. hierzu den Artikel von Ulf Banscherus, Lars Schewe und Sonja Staack im BdWi-Studienheft 4 (2007): http://www.studis-online.de/HoPo/Bildungsstreik/praxisorientierung.php
Zum Autor:
Ulf Banscherus ist Mitglied des Graduiertenkollegs “Lebenslanges Lernen” an der TU Dresden und hat an der Universität Münster und der Freien Universität Berlin Politikwissenschaft, Soziologie, Wirtschaftspolitik und Angewandte Kulturwissenschaften studiert. Während seines Studiums war er in verschiedenen Funktionen hochschulpolitisch aktiv, u.a. als studentischer Vertreter im Akkreditierungsrat der Stiftung zur Akkreditierung von Studiengängen in Deutschland.
Tags: Praxisbezug, Studienreform