Der Nachwuchs ist schon längst erwachsen – Zur aktuellen Debatte um die Zukunft der Promotion

von Alexandra Ortmann

In den vergangenen Jahren ist endlich auch die Promotionsphase in das Visier der Hochschulreformdebatten geraten. Die Probleme, die es zu beheben gilt, reichen von fehlenden Betreuungs- und Qualifikationsstrukturen über mangelnde Transparenz bis hin zu sozialen Sicherungsproblemen. Klar ist: Sowohl aus Sicht der Doktorandinnen und Doktoranden als auch aus Sicht der Hochschulen besteht ein Bedarf nach Veränderung. Die aktuellen Reformansätze haben ihren Ausgangspunkt jedoch nicht in einer umfassenden Defizitanalyse und erfolgen bezeichnenderweise nicht im Rahmen mit der Neu-Strukturierung der Personalkategorien oder der Hochschulgesetze, sondern mit Verweis auf den sogenannten Bologna-Prozess.

Diese Fokussierung ist wenig überraschend, bedenkt man die allgegenwärtige Bezeichnung des „Wissenschaftlichen Nachwuchs“: Zum einen versteht man in Deutschland die Promovierenden[1] – in einigen Fächern sogar noch Habilitierende – als Personen, die noch nicht als ‚vollwertig‘ anzuerkennen sind. Zum anderen impliziert der Begriff, es handele sich dabei ausschließlich um die Ausbildung für eine wissenschaftliche Karriere. Beides jedoch geht an der Realität vorbei.[2] Die jüngsten Entwicklungen im europäischen Bologna-Diskurs haben dem bereits Rechnung getragen und auf die Zwitterstellung der Promotion verwiesen und auch die EU-Forscher-Charta spricht seit langem von „early stage researchers“.

Verändert man entsprechend den Blickwinkel weg von ‚Bologna‘ hin zu den wissenschaftsimmanenten, hochschulpolitischen und sozialen Anforderungen an die Promotion, lassen sich folgende Diskussionsthesen für den Kongress der Juso-Hochschulgruppen 2010 beitragen:

  • Strukturen schaffen ohne Diversität zu zerstören! Die in den meisten Bereichen dringend notwendige Strukturierung der Promotionszeit darf nicht zu einer übertriebenen Homogenisierung der Promotionswege führen. Eine Promotion in der Physik wird auch weiterhin andere Rahmenbedingungen benötigen als eine in Kunstgeschichte, in Betriebswirtschaftslehre, in Medizin oder in Maschinenbau. Und nicht jedeR weist den gleichen Arbeitsrhythmus auf: Manche benötigen für den Erkenntnisgewinn das parallele und ständig revidierende Schreiben, andere dokumentieren ihre Ergebnisse erst ganz am Ende der Promotionszeit.
  • Die soziale Dimension berücksichtigen! Die Finanzierung einer Promotion muss auf eine verlässliche Grundlage gestellt werden, deren Laufzeit mit der durchschnittlichen Promotionsdauer des jeweiligen Faches korreliert und die auch die notwendigen Forschungskosten umfasst. Das Promovieren in Teilzeit (z.B. bei Kindern, Pflege von Angehörigen, Arbeit) muss ermöglicht werden. Die Übergänge in die Promotion und bei Abschluss der Promotion sind besonders prekär und müssen in ein Gesamtkonzept der Promotionsphase integriert werden.
  • Transparenz, Struktur und Verbindlichkeit sind keine Einbahnstraße! Anstatt die Promotionsphase durch „Studienordnungen“, „Pflichtmodule“ und inflexible Zeitschemata zu strukturieren und eine einseitige Bringschuld der Promovierenden zu entwerfen, sollten die Strukturen der Promotionsverfahren durch Ausschreibungen, kollegiale Betreuungsgremien und gemeinsam erarbeitete Promotionsvereinbarungen dominiert werden, welche Rechte und Pflichten im Betreuungsverhältnis als gegenseitig verstehen.
  • Gleichstellungspolitik verankern! Der „Bundesbericht für den wissenschaftlichen Nachwuchs“ (BuWiN) hat erneut gezeigt, dass in keiner Phase zwischen Studienbeginn und Berufung eine größere Diskrepanz zwischen Männern und Frauen zu beobachten ist als in der Promotionszeit. Die Promotion ist der Schlüssel der „leaking pipeline“ – einen höheren Anteil an Frauen bei Professuren wird man nicht erreichen können, ohne die Promotionsphase zu reformieren.
  • Berufliche Durchlässigkeit sichern! Die Fokussierung der Hochschulen, mit der Promotion potentielle Professorinnen und Professoren heranbilden zu wollen, blendet die Wünsche der Promovierenden ebenso aus wie den offenkundigen Trichtereffekt bis zur Berufung. Die Reform der Promotion muss dem Wunsch und der Notwendigkeit, sich mit der Promotion auch außerhalb der Hochschule Berufsfelder erschließen zu können, gerecht werden.
  • Promovierenden eine Stimme geben! Die hochschulinterne Vertretung von Promovierenden ist wenig schlagkräftig. Ein Teil gehört zu den Wissenschaftlichen MitarbeiterInnen, ein Teil zu den Studierenden und ein weiterer Teil gilt formal nicht als Mitglied der Hochschule und ist daher ohne Mitbestimmungsrecht. Promovierende sollten unabhängig von ihrer Finanzierung (Stelle, Stipendium, Jobben) einen einheitlichen Status in den Gremien erhalten, der sich an ihrem Tätigkeitsprofil (Lehre, Forschung) orientiert und sie den Wissenschaftlichen MitarbeiterInnen zuordnet. Insbesondere die Reform der Promotion darf in den Hochschulen nicht ohne eine sprechfähige und legitimierte Vertretung der Promovierenden erfolgen.

[1] Wenn man grammatikalisch korrekt sein will, ist dieser Begriff unzutreffend. Denn man promoviert nicht, sondern wird promoviert. Folglich handelt es sich bei den entsprechenden Personen auch um Promovenden und nicht um Promovierende. Zugespitzt ausgedrückt: Es handelt sich nicht um ein aktives, selbstständiges Handeln. Hier wird die inzwischen etablierte Form des „Promovierenden“ dennoch bewusst verwendet.

[2] Nur ein Bruchteil der Promovierenden strebt überhaupt eine wissenschaftliche Laufbahn an. Und auch wenn es sich unzweifelhaft um eine Weiterqualifizierung handelt, so ist es doch erklärtes Ziel einer Promotion, am Ende eigenständige, neue Forschungsergebnisse zu präsentieren.

Zur Autorin:

Alexandra Ortmann stellt zurzeit ihre geschichtswissenschaftliche Promotion an der Universität Göttingen fertig und ist Mitglied im Beirat der Juso-Hochschulgruppen sowie der Projektgruppe Doktorandinnen und Doktoranden der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW).

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