Studierende und Gewerkschaften können echte Bündnispartner sein!

von Michael Sommer

Das Klischee der angeblich „angepassten Studierenden-Generation“ dürfte mit den Aktionen des „Bildungsstreiks“ vorerst widerlegt sein. Das ist gut so! Auch heute wehren sich Studierende, wenn sie ihre Interessen verletzt sehen. Sie streiten mir kreativen Aktionen gegen eine schlecht gemachte Bologna-Reform, gegen den Turbo-Bachelor, einen eingeschränkten Zugang zum Master und die chronische Unterfinanzierung der Hochschulen. Nicht zuletzt deshalb hat der DGB die Proteste im vergangenen Jahr unterstützt – und er wird auch am 9. Juni 2010 wieder dazu aufrufen.

In den vergangenen Wochen und Monaten ist es damit gelungen, dass Thema Bildung wieder auf die Agenda zu haben. Ohne die Proteste der Studierenden hätte es erste Nachbesserung der Kultusminister und den Nationalen Bologna-Gipfel am 17. Mai nicht gegeben. Und dennoch: Die Ergebnisse des Gipfels waren mager. Roland Kochs Sparpläne für das Bildungswesen zeigen, dass Widerstand bitter nötig ist. Zumal in den meisten Schubladen der Ministerpräsidenten weitere Streichlisten für Kindergärten, Schulen und Hochschulen bereit liegen. Die Süddeutsche Zeitung kommentierte diese Pläne treffend: „Koch & Co. handeln wie Bauern, die ihr Saatgetreide verfressen und die Pflanzkartoffeln an die Schweine verfüttern.“

Die Gewerkschaften erwarten, dass sich diese Proteste nicht allein auf die notwendigen Verbesserungen in den Hochschulen fokussieren. Wir müssen die soziale Spaltung im gesamten Bildungswesen überwinden. Noch immer haben in Deutschland 1,5 Millionen Menschen im Alter von 20 bis 29 Jahren keine abgeschlossene Ausbildung. Mehr als 65.000 verlassen Jahr für Jahr die Schule ohne einen Abschluss. Gute Bildung und gute Bildungsabschlüsse sind Platzanweiser in unserer Gesellschaft. Sie entscheiden über die Berufs- und damit auch über die Lebensperspektiven der jungen Menschen. Bildung ist deshalb eine Machtfrage – und die müssen Studierende und Gewerkschaften klar stellen.

Die Studierenden müssen sich bewusst sein, dass das Studium eine Ausbildung ist, die sich längst nicht alle Menschen leisten können. Allein im Jahr 2008 haben 86.000 Schulabgänger kein Studium aufgenommen, obwohl sie dazu berechtigt wären. Ein Drittel davon sagte bei einer Befragung des Hochschul-Informationssystems (HIS), dass ihnen dafür schlicht das Geld fehle. Deshalb müssen wir die Studienfinanzierung verbessern. Der DGB setzt dabei auf ein starkes BAföG – und nicht auf das Nationale Stipendienprogramm. Das BAföG ist seit den 70er Jahren besonders für ärmere Familien die Strickleiter für den sozialen Aufstieg. Es bietet den Studierenden einen klaren Rechtsanspruch, während sie beim Stipendium auf das Wohlwollen der Geldgeber angewiesen sind.

Ein Machtgefälle gibt es noch immer zwischen Hochschulen und beruflicher Bildung. Viele Hochschulen mauern, wenn es um die Aufnahme von Menschen ohne Abitur geht. Gerade einmal ein Prozent der Studierenden haben ohne Abitur den Weg an die Hochschule gefunden. Wieso soll ein Abiturient, der im elften Jahrgang Chemie abgewählt hat, besser Chemie studieren können, als ein Chemikant, der eine dreijährige Ausbildung in diesem Beruf gemacht hat?

Die Machtfrage stellt sich auch innerhalb der Hochschulen. Unter dem Deckmäntelchen der Autonomie wird die Demokratie an den Hochschulen Schritt für Schritt abgebaut. Die Mitbestimmung in Senaten und Fachbeiratsräten wird auf unverbindliche Stellungnahmen und Empfehlungen zurückgeführt. Nahezu alle wichtigen Entscheidungen liegen beim Präsidium oder dem Dekan. Das alles passt nicht zu einer demokratischen Hochschule. Wir wollen echte Mitbestimmung an den Hochschulen – auch für die Beschäftigten und die Studierenden.

Egal, ob an Hochschulen oder den Betrieben: Unsere Aufgabe wird es sein, für Chancengleichheit, eine gute Bildungfinanzierung und die Demokratisierung von Hochschulen, Wirtschaft und Gesellschaft zu streiten. Hier können Studierende und Gewerkschaften echte Bündnispartner sein.

Zum Autor:
Michael Sommer ist DGB-Bundesvorsitzender. Der Bundeskongress im Mai 2010 hat ihn für weitere vier Jahre im Amt bestätigt. Er hat Politikwissenschaften an der Freien Universität Berlin studiert und war Stipendiat der Hans-Böckler-Stiftung.

Eine Antwort auf “Studierende und Gewerkschaften können echte Bündnispartner sein!”

  1. [...] mit der Diskussion beginnen. Neben der studentischen Sicht werden auch Gastbeiträge (u.a. von Michael Sommer, DGB-Bundesvorsitzender, und Prof. Dr. Julian Nida-Rümelin, Kandidat für das Amt des Präsidenten [...]

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