Welche Aufgabe hat Wissenschaft in einer demokratischen Gesellschaft?

von Prof. Dr. Julian Nida-Rümelin

In der demokratischen Gesellschaft wird Wissenschaft politisch und d.h. öffentlich verantwortet. Die einzelnen wissenschaftlichen Disziplinen tragen zu einem rationalen Weltbild bei und verändern die gesellschaftliche Praxis. Erkenntnis hat auch um ihrer selbst willen einen Wert. Erkenntnis trägt aber auch zu einer besseren, humaneren Praxis bei.

Wissenschaft in der demokratischen Gesellschaft muss sich öffentlich verantworten. Sie ist zu großen Teilen aus Steuermitteln finanziert und daher haben die Bürgerinnen und Bürger einen Anspruch darauf zu erfahren, was die Wissenschaft leistet. Dies kann nicht lediglich der Politik oder der Publizistik überlassen bleiben. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben auch eine Verantwortung gegenüber der Bürgerschaft im demokratischen Staat.

An der Universität formen sich die einzelnen wissenschaftlichen Disziplinen zu einer Einheit in der Vielfalt. Diese Einheit setzt Respekt vor der Vielfalt und Unterschiedlichkeit der Fächerkulturen voraus. Es gibt keine Leitwissenschaft. Keine Hierarchie der Disziplinen.

Die Lehre an den Hochschulen bezieht ihre Impulse auch aus der aktuellen Forschung. Es gibt einen Zusammenhang zwischen Forschung und Lehre, der sich nicht auflösen darf. Nur diejenigen, die mit der aktuellen Forschung vertraut sind, können auch die Studierenden auf das aktuelle Niveau der Wissenschaft bringen. Die Konfrontation mit wissenschaftlichen Methoden schärft die eigenständige Urteilskraft. Eigenes Denken und selbständiges Entscheiden wird durch ein wissenschaftsorientiertes Studium gefördert.

Wissenschaft ist inklusiv. Sie grenzt niemanden aus, sie wendet sich an alle, die sich an ihr beteiligen wollen und daher ist die allgemeine Verfügbarkeit ihrer Ergebnisse Voraussetzung. Die zunehmende Kommerzialisierung und Verwertung wissenschaftlicher Forschungsergebnisse ist daher eine Gefahr für die Wissenschaftsentwicklung.

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler tragen Verantwortung für die Verwertung ihrer Ergebnisse. Sie müssen daher im Stande sein, gesellschaftliche Verantwortung wahrzunehmen und sie müssen bereit sein ihre Kompetenz in den öffentlichen Diskurs einzubringen. Von daher empfiehlt es sich die Verantwortungsfähigkeit durch entsprechende Lehrangebote in allen Disziplinen zu fördern. Es gibt eine Ethik von Wissenschaft und Technik und eine öffentliche Verantwortung von Wissenschaft, die Reflexion, das Nachdenken über mögliche Folgen, aber auch die Kriterien ihrer Bewertung voraussetzt. Wissenschaft in gesellschaftlicher Verantwortung heißt nicht Instrumentalisierung, sondern Beteiligung, Inklusion der Bürgerschaft als Ganze.

Lektürehinweis: JNR „Demokratie und Wahrheit“ (München C.H. Beck 2006).

Zum Autor:

Prof. Dr. Julian Nida-Rümelin, Kulturstaatsminister a.D., ist Dekan der Fakultät für Philosophie, Wissenschaftstheorie und Religionswissenschaft und Bewerber für das Amt des Präsidenten an der LMU München. Weitere Informationen auf www.nida-ruemelin.de.

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Eine Antwort auf “Welche Aufgabe hat Wissenschaft in einer demokratischen Gesellschaft?”

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