von Tatjana Zieher
Die Frage nach Werten an der Hochschule ist von der übergeordneten Frage „wie wollen wir in einer Gesellschaft zusammenleben?“ abgeleitet. Werte definieren Sinn und Bedeutung von Gesellschaften. Sie stellen Vorstellungen über Beziehungen von Individuen, Gruppen und Gesellschaften dar. Die Funktion der Werte ist also die Bereitstellung von Formen des guten und geordneten Zusammenlebens der Menschen. Es gibt keinen wertefreien Raum, da Menschen als Träger von Werten diese nicht ablegen können. So ist die Hochschule ein Raum von Werten. Wie das Beispiel der 68er zeigt, ist die Hochschule sogar ein sehr wichtiger Raum von Werten innerhalb der Gesellschaft. Sie ist nämlich der Raum, der die Verständigungsfähigkeit von Demokratie gewährleisten soll. Vor ihr kann ein Wertewandel ausgehen, der die Gesellschaft ergreift.
Eine Hochschule vermittelt durch ihren Auftritt in der Öffentlichkeit, aber auch durch die Art der Organisation des Studiums unweigerlich Werte. Zunächst stelle sich die Frage, wer diese Werte bestimmt. Zum einen sind dies die Geldgeber, also der Staat bzw. die Politik und Drittmittelgeldgeber. Zum anderen tragen die Mitglieder der Hochschule ihre Werte in die Hochschule. Es gibt einen hochschulinternen Diskurs zwischen den Statusgruppen und innerhalb der Statusgruppen um Werte.
Als nächstes stellt sich die Frage welche Werte vermittelt werden sollen. Werte sind nicht positivistisch festgelegt und können durchaus neu definiert und fallengelassen werden. Es gibt also einen stetigen Diskurs um Werte, einen stetigen Wandel von Werten und eine Pluralität von Werten. Die Begründung von Werten erfolgt durch die Kategorien „gut“ und „schlecht“, bzw. „besser“ und „schlechter“. Jedes Subjekt als Träger von Werten setzt dabei andere Schwerpunkte. Wertediskurse sind also das Ringen um Begründungen, oder wie Habermas es formulieren würde, das Suchen nach dem besten Argument.
Nun gibt es Studiengänge, die sich qua Fach mit Werten auseinandersetzten. Dies sind Studiengänge der Geistes- und Sozialwissenschaften, wie z.B. Philosophie. Naturwissenschaftliche Fächer scheinen den Werteaspekt auszusparen. Fragen nach einem guten und geordneten Zusammenleben von Menschen in Gesellschaften werden nicht gestellt. Die Bedeutung der naturwissenschaftlichen Forschung und der daraus resultierende Fortschritt sind jedoch enorm für die Menschheit. Sie verändern das Zusammenleben. Als Beispiel sei nur die Entwicklung der Atombombe aufgeführt.
Daher fordern wir eine Sensibilisierung für Werte. Eine Hochschule sollte zur Aufgabe haben den Studierenden ein kritisches Denken beizubringen. Kritisch in Hinsicht auf die bestehenden Werte, aber auch kritisch in Hinsicht auf den vermittelten Lernstoff und die eigene Forschung. Gerade die neuen Bachelor- und Masterstudiengänge lassen für das kritische Nachdenken wenig Zeit. Im Vordergrund steht das schnelle Erlernen von Sachverhalten. Eine kritische Hinterfragung findet in den meisten Fällen nicht statt. Um dies zu vermeiden fordern wir die flächendeckende Einführung eines verpflichtenden Studium Generales. Ziel des Studium Generales muss sein den Studierenden einen Blick über den Tellerrand des eigenen Faches hinaus aufzuzeigen, sie für gesellschaftliche Belange zu sensibilisieren und ethische Maßstäbe und Werte zu erlernen.
Zur Autorin:
Tatjana Zieher ist Studentin der Politikwissenschaft und aktiv in der Juso-Hochschulgruppe an der Freien Universität Berlin. Der Artikel ist ein Resultat aus der Themenreihe „Hochschule und Gesellschaft“, die die Juso-Hochschulgruppe an der Freien Universität Berlin anlässlich der Vorbereitung auf den Kongress „Studium der Zukunft“ der Juso-Hochschulgruppen veranstaltet hat. Der Beitrag ist zuerst auf dem Blog der Juso-Hochschulgruppe an der FU Berlin erschienen.
Ich stimme dir bei deinen ersten Ausführungen weitesgehend zu, außer in dem Punkt, in dem du den Naturwissenschaften keine Werte(diskussion) zugestehst, es den Sozialwissenschaften aber naturgegeben zuschreibst. Es gibt diese Diskussion in beiden Fachgebieten und es gibt sie in beiden nicht.
Aber gut, als Lösung schlägst du also ein “Studium Generale” vor. Nun geistern ja viele Vorstellung von einem solchen Studium oder Studienabschnitt umher, daher muss ich jetzt ein wenig vermuten, dass du auch ein für die ersten 2-3 Semester fächerübergreifendes Studium meinst?
Mit würde eher vorschweben, dass die Fächer an sich in Frage gestellt werden. Ja, man braucht auch ein gewisses Fachwissen um neues Wissen zu entwickeln. Aber wieso die Grenzen bei Fächern ziehen, die im Laufe der Hochschulgeschichte auch noch immer enger wurden? Ein viel gewinnbringenderer Ansatz wäre doch die Ausrichtung anhand gesellschaftlicher Problemstellungen. Wir haben ein Klimaproblem, zur Lösung brauche ich aber sowohl den technischen Fortschritt als auch Lösung von mit den der Klimakatastrophe einhergehenden sozialen Auswirkungen, insbesondere in Entwicklungsländern. Wenn diese Sachen nicht zusammengedacht werden, werden Probleme immer nur beschränkt gelöst.
Daher liegt die Lösung eher darin, in einer Studieneingangsphase von 2-3 Semestern Grundlagen des wissenschaftlichen Arbeitens zu vermitteln, Studierende in die doch oftmals komplexe Welt Hochschule einzuführen um später ihr Studium anhand gesellschaftlicher Problemstellungen ausrichten zu können. Die Modularisierung könnte dabei auch ein hilfreiches Instrument sein. Ein Studium Generale wäre kein Fortschritt und so wie es diskutiert wird, würde es die StudienanfängerInnen eher überfordern als unterstützen.